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DIN SPEC „Corporate Security“: Chance oder Herausforderung?

DIN SPEC: „Corporate Security – Anforderungen zur Stärkung physischer Resilienz von Organisationen“

Die neue DIN SPEC mit dem Titel „Corporate Security – Anforderungen zur Stärkung physischer Resilienz von Organisationen“ soll einen wegweisenden Standard für Unternehmen und Organisationen schaffen, der über bestehende Ansätze hinausgeht. Im Fokus steht die Entwicklung eines ganzheitlichen Rahmens für die Sicherheitsarchitektur, der flexibel auf unterschiedliche Branchen, Organisationsgrößen und Risikoprofile anwendbar sowie mit gängigen Vorgaben kompatibel ist.

Die Ankündigung, diese neue DIN SPEC für Corporate Security – Anforderungen zu entwickeln, ist grundsätzlich ein begrüßenswerter Schritt. Normen und Standards wie diese schaffen Orientierung und fördern ein gemeinsames Verständnis für wichtige Sicherheitsanforderungen. Doch es bleibt die Frage, wie stark solche Normen tatsächlich in der Praxis ankommen und was sie letztlich für Unternehmen bedeuten.


WAS IST EINE DIN SPEC?

Eine DIN SPEC (Specification) ist ein Standarddokument, das vom Deutschen Institut für Normung e. V. (DIN) erstellt wird. Es ermöglicht Unternehmen, Organisationen und wissenschaftlichen Einrichtungen, schnell und flexibel Standards für Technologien oder Prozesse zu entwickeln.

  • ERSTELLUNG: Innerhalb weniger Wochen in einem Workshop-Verfahren durch ein temporäres Konsortium.
  • ZIEL: Schnelle Standardisierung neuer Technologien oder Konzepte.
  • UNTERSCHIED ZU DIN-NORMEN: Kein Vollkonsens erforderlich, kein Teil des Deutschen Normenwerks. 
  • VERÖFFENTLICHUNG: Kostenlos über den Beuth Verlag, um die Verbreitung innovativen Wissens zu fördern.e

DIN sorgt dafür, dass DIN SPECs nicht mit bestehenden Normen kollidieren und stellt eine internationale Veröffentlichung sicher.


NORMEN UND IHRE GRENZEN

Normen sind wertvolle Werkzeuge, insbesondere wenn es um die Sicherheit geht. Sie bieten klare Vorgaben und ermöglichen eine gewisse Prüfbarkeit der Umsetzung.


Dennoch gilt: EINE NORM ALLEIN VERÄNDERT NOCH NICHTS AM SICHERHEITSNIVEAU IN DER PRAXIS. Häufig bleiben die Anforderungen zu allgemeingültig, abstrakt oder schwer umsetzbar – insbesondere für kleinere Unternehmen, denen die personellen und finanziellen Ressourcen größerer Konzerne fehlen.



Zudem existieren bereits zahlreiche Bücher, Leitfäden und Regelwerke, die ähnliche Themen der Corporate Security behandeln. Das Wissen ist also grundsätzlich verfügbar. Die eigentliche Herausforderung liegt weniger in der Erstellung weiterer Normen, sondern vielmehr in der Entwicklung praxistauglicher Lösungen. Unternehmen benötigen konkret umsetzbare, ganzheitliche Handlungsleitfäden, Checklisten und Werkzeuge, die auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten und für den Sicherheitslaien verständlich sind.


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GANZHEITLICHKEIT STATT ISOLIERTER BETRACHTUNG

Ein oft übersehener Aspekt, der in vielen Unternehmen vernachlässigt wird, ist die ganzheitliche Herangehensweise an Sicherheitsmaßnahmen (Security). Unabhängig von einer Norm wird das Thema fragmentiert behandelt: Bauliche, technische, personelle und organisatorische Maßnahmen werden isoliert und nur in Teilbereichen betrachtet, anstatt als integraler Bestandteil eines Gesamtsystems. Dabei ist gerade das Zusammenspiel dieser vier Dimensionen entscheidend, um eine wirklich effektive und solide Sicherheitsstrategie zu entwickeln. An dieser Stelle setzt zwar die DIN SPEC an, doch entscheidend ist die Umsetzbarkeit für Unternehmen ohne Sicherheitsexpertise.


In der Realität werden Sicherheitsmaßnahmen häufig von Personen verantwortet, die keine tiefgehende Expertise in diesen Bereichen besitzen. Sicherheit wird nicht als integraler Prozess betrachtet, sondern lediglich punktuell und reaktiv angegangen. Dies führt dazu, dass Probleme meist nur oberflächlich behandelt werden, ohne die zugrunde liegenden Ursachen zu adressieren und als Lösung ganzheitliche Sicherheitsmaßnahmen zu etablieren. Erschwerend kommt hinzu, dass physische Sicherheit nach wie vor als Kostenfaktor wahrgenommen wird.


CORPORATE SECURITY ALS FUNDAMENTALE SÄULE DER UNTERNEHMENSSICHERHEIT


  • BAULICHE SICHERHEIT: Ohne einen Zaun oder ähnliche Barrieren im Gebäude besteht beispielsweise freier Zugang für jedermann.


  • TECHNISCHE SICHERHEIT: Fehlt Überwachungstechnik, können Vergehen und Vorfälle weder erkannt noch dokumentiert oder nachvollzogen werden.


  • PERSONELLE SICHERHEIT: Was nützt Überwachungstechnik, wenn keine Person die Ereignisbilder auswertet oder keine Interventionskraft verfügbar ist, um im Ereignisfall einzugreifen?


  • ORGANISATORISCHE SICHERHEIT: Ohne klare Verantwortlichkeiten gibt es keine definierten Prozesse oder Eskalationsstrukturen. Damit fehlen die Grundlagen einer funktionierenden Sicherheitskette.


Sicherheit lässt sich vereinfacht als Zusammenspiel von vier wesentlichen Säulen betrachten: bauliche, technische, personelle und organisatorische Sicherheit. Jede Säule erfüllt eine spezifische Rolle und ihr Zusammenspiel ist entscheidend, um Schutz und Resilienz zu gewährleisten. Sie stützen sich gegenseitig und sind untrennbar miteinander verbunden – ein Mangel in einer Säule kann das gesamte System erheblich schwächen.


Eine ganzheitliche Sicherheitsstrategie muss alle Prozesse berücksichtigen – von der Risikoanalyse über die Implementierung bis hin zur kontinuierlichen Überprüfung und Anpassung. Sicherheitskonzepte dürfen nicht statisch sein, sondern müssen sich ständig weiterentwickeln, um aktuellen Bedrohungen gerecht zu werden. Hier setzt die geplante DIN SPEC an, indem sie unterschiedliche Schutzniveaus definiert und diese je nach Branche, Organisationsgröße und Risikoprofil anwendbar macht.


Corporate Security ist weit mehr als nur eine unterstützende Funktion – sie ist eine fundamentale Säule für die Beständigkeit und Resilienz von Unternehmen. Ob Schutz vor Wirtschaftsspionage, Prävention gegen physische Bedrohungen oder die Vorbereitung auf Krisenszenarien:

  • Sicherheit ist eine Kernaufgabe, die eng mit der unternehmerischen Verantwortung und dem langfristigen Erfolg verbunden ist und künftig auch Themen der IT-, Cyber- und Informationssicherheit berücksichtigen muss.


Die neue DIN SPEC hat das Potenzial, Unternehmen auf ihrem Weg zu einem höheren Sicherheitsniveau zu unterstützen. Entscheidend wird jedoch sein, dass sie auch für kleinere Unternehmen ohne fachliche Expertise praxistauglich bleibt und nicht nur als theoretisches Konzept verstanden wird. Nur wenn Unternehmen tatsächlich in die Lage versetzt werden, die Vorgaben konkret umzusetzen und den Markt zu durchdringen, wird diese Norm ihren Wert entfalten können.


Die Erarbeitung einer DIN SPEC ist ein wichtiger Schritt, doch sie ist nur ein Teil der Lösung. Entscheidend ist, Unternehmen unabhängig von ihrer Größe und den verfügbaren Ressourcen mit praktischen Werkzeugen auszustatten und das Thema Sicherheit ganzheitlich zu betrachten. Nur so kann Corporate Security zu einer tragenden Säule jeder Unternehmensstrategie werden – und damit zur Grundlage für langfristige Resilienz und Stabilität.