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Cyberbedrohung aus der Luft: Drohnen als neue Sicherheitsrisiken

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) beobachtet mit zunehmender Sorge den Missbrauch ziviler Drohnentechnologie für potenzielle Cyberangriffe. Drohnen sind längst kein Spielzeug mehr – sie entwickeln sich zu einem ernstzunehmenden Sicherheitsrisiko für Unternehmen, Behörden und kritische Infrastrukturen.

In einem aktuellen Arbeitspapier mit dem Titel „Overview of drone-based cyber threats and aspects of defence“ zeigt das BSI, welche Cyber-Bedrohungsszenarien durch den Einsatz von Drohnen denkbar sind und was Organisationen tun können, um sich zu schützen. Was zunächst vor allem als physisches Risiko – etwa durch Schmuggel, Spionage oder Sabotage – wahrgenommen wurde, entwickelt sich zunehmend zu einem sicherheitsrelevanten Thema im Bereich der IT- und Informationssicherheit. Die Erkenntnisse des BSI basieren unter anderem auf den militärischen Entwicklungen im Ukrainekrieg, bei dem Drohnen sowohl offensiv als auch defensiv eingesetzt werden. Diese Erfahrungen sind nicht auf Kriegsgebiete beschränkt: Auch im zivilen Umfeld zeigen sich potenzielle Angriffsvektoren, die klassische Schutzmaßnahmen wie Zäune, Kameras oder Zutrittskontrollen umgehen. Drohnen überfliegen physische Sicherheitsgrenzen und erreichten sensible Bereiche, in denen Informationen verarbeitet oder übertragen werden. Drohnen ermöglichen durch ihre zunehmende technische Entwicklung auch Angriffe auf digitale Infrastrukturen – ein Aspekt, der in vielen Sicherheitskonzepten bislang kaum berücksichtigt wurde.


DIE DROHNE FLIEGT DORT, WO DER MENSCH DRAUSSEN BLEIBT: ÜBER ZÄUNE HINWEG, VORBEI AN KAMERAS – DIREKT IN SICHT- ODER FUNKWEITE SENSIBLER SYSTEME.


FÜNF CYBER-BEDROHUNGSSZENARIEN DURCH DROHNEN

1. ABHÖREN UND AUSSPÄHEN VON KOMMUNIKATION

Drohnen können gezielt Funkverbindungen abhören, Netzwerke stören oder *TEMPEST-relevante Abstrahlungen erfassen – eine moderne Form der Lauschabwehrumgehung.


2. OPTISCHE AUFKLÄRUNG UND ÜBERWACHUNG

Mit Kameras, Infrarot- oder Wärmebildtechnik ausgestattet, können Drohnen Gebäude, Anlagen oder sogar Computerbildschirme aus der Luftausspähen. Stichwort „Shoulder Surfing“.


3. HACKING- UND STÖRANGRIFFE

Drohnen können als mobile Angriffsplattformen agieren: etwa durch Einrichtung eines Fake-WLANs, um Geräte automatisch zu verbinden, durch gezielte „Man-in-the-Middle“-Angriffe oder durch Störung von GPS- und Mobilfunkdiensten.


4. SCHWARMANGRIFFE

Mehrere Drohnen könnten gleichzeitig eingesetzt werden, um Abwehrsysteme zu überlasten oder gezielt Ablenkungsmanöver einzuleiten. Auch der Einsatz zur Propagandaverbreitung oder zum Platzieren von Tracking-Devices sind potenzielle Risiken.


5. GEZIELTE PHYSISCHE ANGRIFFE

Auch „Hard Kill“-Szenarien zählen zu den Risiken: Drohnen könnten mit Sprengsätzen oder chemischen/ biologischen Substanzen ausgerüstet sein. 


*Bei einem TEMPEST-Angriff (Transient Electromagnetic Pulse Emanation Standard) nutzen Angreifer spezielle Technik, um elektromagnetische Abstrahlungen von technischen Geräten aufzufangen. Aus diesen Emissionen lassen sich vertrauliche Inhalte rekonstruieren ganz ohne Zugriff auf Netzwerke oder Software. Diese Methode zielt direkt auf physikalische Emissionen und umgeht so klassische IT-Schutzmaßnahmen.


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LUFTRAUMRISIKO DROHNE: WIE SICHERHEITSKONZEPTE REAGIEREN MÜSSEN

Die bewährten Schutzparameter Prävention, Detektion und Reaktion gelten nach wie vor als Fundament im Umgang mit Bedrohungen – auch im Kontext von Cyber-Drohnenangriffen. Ihre Wirksamkeit entfalten sie jedoch nur dann, wenn ein ganzheitlich aufgebautes Sicherheitskonzept besteht, das alle Ebenen berücksichtigt.


EIN SOLCHES SCHUTZKONZEPT ERFORDERT:

  • Bauliche Maßnahmen (z. B. Sichtschutz, Fenstersicherung, Abstrahlschutz, visuelle Unauffälligkeit)
  • Technische Schutzsysteme (z. B. Kamerasysteme)
  • Organisatorische Regelungen (wie Verantwortlichkeiten, Meldewege Reaktionsprozesse, Handlungsanweisungen) 
  • Interventionsfähiges Sicherheitspersonal, das nicht nur physisch präsent ist, sondern auch für neue Bedrohungslagen sensibilisiert wurde.


Auch temporäre Sonderlagen – wie Veranstaltungen oder politische Versammlungen – müssen im Sicherheitskonzept berücksichtigt und flexibel abgesichert werden können.


Ergänzt wird dieses Fundament je nach Gefährdungslage durch spezialisierte Schutzmaßnahmen wie:

  • Systeme zur Drohnendetektion und -abwehr (z. B. Funkerkennung, Richtmikrofone, Radar, Störsender),
  • technische Vorbereitungen gegen Lauschangriffe (z. B. TEMPEST-konforme Bauweise, Geräteschutz) sowie
  • bauliche Vorkehrungen, um Emissionen zu blockieren oder Angriffsflächen zu minimieren.


Dabei müssen alle sicherheitsrelevanten Aspekte integriert und aufeinander abgestimmt betrachtet werden: Informationssicherheit, physische Sicherheit, Objektschutzmaßnahmen, bauliche Sicherheit, Leistungen des Sicherheitsdienstes und die technische Sicherheitsarchitektur bilden nur im Zusammenspiel eine tragfähige Schutzarchitektur.


DER MENSCH ALS KRITISCHER ERFOLGSFAKTOR

Ein häufig unterschätzter, aber zentraler Faktor in der Sicherheitsarchitektur ist der Mensch. Nur wenn Mitarbeitende, insbesondere jene mit sicherheitsrelevanten Tätigkeiten, gezielt geschult sind und wissen, worauf zu achten ist, können Auffälligkeiten erkannt und richtig eingeordnet werden. Das gilt sowohl für klassische Sicherheitslagen als auch für die neuen Bedrohungsformen. Menschliche Wahrnehmung – als „Augen und Ohren vor Ort“ – bleibt auch im Zeitalter technischer Lösungen ein unverzichtbarer Bestandteil funktionierender Sicherheitsstrukturen.


DROHNEN SIND EINE REALE BEDROHUNG – UND GLEICHZEITIG EINE EINLADUNG ZUR VORBEREITUNG.


Drohnen verändern die Spielregeln im Bereich der physischen und informationellen Sicherheit. Sie überwinden klassische Schutzmaßnahmen und eröffnen neue Angriffsformen auf IT-Systeme, Infrastrukturen und Personen. Auch wenn viele der beschriebenen Szenarien bislang selten in Friedenszeiten beobachtet wurden, wächst die Eintrittswahrscheinlichkeit – nicht zuletzt durch die zunehmende Verbreitung, Miniaturisierung und Aufrüstung von Drohnentechnologien.


Organisationen jeder Größe sind daher gut beraten, sich frühzeitig mit der Thematik auseinanderzusetzen: Bedrohungsszenarien prüfen, Drohnenbedrohungen systematisch in ihre Sicherheitsarchitektur integrieren und Schutzmaßnahmen etablieren.