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Das „Gütersloher Modell“ als Orientierungssystem für Gebäude

Ob in Behörden, im Krankenhaus, in Verwaltungen, Schulen, Universitäten oder Veranstaltungszentren – wer sich nicht zurechtfindet, verliert nicht nur Zeit, sondern im Ernstfall auch wertvolle Sicherheit. Orientierungssysteme in Gebäuden sind weit mehr als nur Wegweiser: Sie sind Ausdruck von Nutzerfreundlichkeit, Teil einer durchdachten Infrastruktur und ein wichtiger Baustein der Risikovorsorge. Denn in kritischen Situationen zählt jede Sekunde und jeder Schritt muss sitzen. Damit das gelingt, darf Orientierung nicht dem Zufall überlassen werden. Das sogenannte „Gütersloher Modell“ bietet hierfür ein praxiserprobtes und zugleich bemerkenswert einfaches Orientierungssystem. Es setzt auf visuelle Klarheit, funktionale Farbgebung und eine intuitive Raumgliederung – und schafft so vom ersten Moment an Übersichtlichkeit in jeder baulichen Struktur.


WARUM BRAUCHT ES ORIENTIERUNGSSYSTEME?

Moderne Gebäude werden zunehmend größer, vielfältiger und öffentlich zugänglicher. Gleichzeitig werden auch die Nutzergruppen heterogener: Menschen mit unterschiedlichem Bildungsstand, mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen, mit anderen sprachlichen Voraussetzungen, kulturellen Hintergründen oder schlicht ohne Ortskenntnis bewegen sich durch dieselben Flure und Räume.


Ein durchdachtes Orientierungssystem erfüllt gleich mehrere Funktionen – praktisch, psychologisch und organisatorisch. Es sorgt nicht nur für bessere Wegeführung, sondern verbessert ganz konkret den Alltag der Personen im Gebäude:


  • REDUKTION VON NUTZERSTRESS UND ZEITVERLUST: Wer sich in einem Gebäude nicht zurechtfindet, empfindet schnell Unsicherheit, Überforderung oder Frustration und verliert wertvolle Zeit.


  • BESCHLEUNIGUNG VON ABLÄUFEN: Je schneller Menschen ihr Ziel erreichen, desto effizienter funktionieren auch organisatorische Prozesse – ganz ohne zusätzliche Personalbindung durch die Notwendigkeit mündlicher Erklärungen oder aufwändiger Einweisungen.


  • VERMEIDUNG VON RISIKEN BEI HOHEM ANDRANG: Unklare Wegeführungen können zu Gedränge, unnötigen Wartezeiten oder gefährlichen Situationen führen – besonders bei hohem Besucheraufkommen oder in Evakuierungssituationen.


  • BARRIEREFREIHEIT UND WIEDERERKENNUNG: Ein gutes Orientierungssystem ermöglicht es auch Menschen mit Einschränkungen, sich selbstständig und sicher im Gebäude zu bewegen. Gleichzeitig prägt es das Erscheinungsbild der Einrichtung – Farben, Symbole und Raumlogiken schaffen visuelle Wiedererkennung und stärken die Identität der Örtlichkeit.


  • UNTERSTÜTZUNG VON FREMDFIRMEN: Auch für interne Abläufe, z. B. Reinigung, Technik, Sicherheit und Logistik, schafft ein klares Orientierungssystem Vorteile. Räume und Bereiche sind schnell identifizierbar, Anweisungen lassen sich einfacher kommunizieren, Missverständnisse werden reduziert.



  • BEITRAG ZU RESILIENZ UND KRISENVORSORGE: Übersichtliche Gebäudestrukturen erleichtern Evakuierungen, Brandbekämpfung, technische Eingriffe oder die Koordination externer Einsatzkräfte im Ereignisfall.

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SICHTBARKEIT SCHAFFT SICHERHEIT

Das „Gütersloher Modell“ ist ein standardisiertes visuelles und organisatorisches Leitsystem, das ursprünglich im Kontext des Katastrophenschutzes und der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr entwickelt wurde. Es zielt darauf ab, in Einsatzlagen schnell erkennbare Zuständigkeiten, klare Raumstrukturen und eindeutige Kommunikationswege zu schaffen – mit dem Ziel, die Führungsebenen und Abläufe eines Krisenstabs oder einer Einsatzleitung transparent und effizient abzubilden und bestmöglich im Einsatzgeschehen zu unterstützen.


Das „Gütersloher Modell“ übersetzt räumliche Komplexität in visuelle Klarheit durch einheitliche Farben, Symbole und Raumkennzeichnungen, die in Kombination mit fest definierten Rollen und Aufgaben ein intuitives Verständnis ermöglichen – selbst für extern hinzugezogene Kräfte. Es unterstützt:

  • selbstständige Wegefindung – auch für Kinder, ältere Menschen oder Personen mit Demenz
  • schnelle Orientierung ohne Sprachbarrieren – z. B. für Gäste, Geflüchtete oder internationale Besucher
  • Barrierefreiheit im Sinne der DIN 18040
  • einheitliche visuelle Gestaltung über alle Etagen und Bereiche hinweg
  • sicheres Verhalten im Notfall, da Orientierung auch in Stresssituationen erhalten bleibt


WAS SOLLTE ALLES BESCHRIFTET WERDEN? / GRUNDLEGENDE BESCHRIFTUNGSREGELN

  • GEBÄUDE- UND TRAKTKENNZEICHNUNG: Gebäude und Gebäudeteile sollten von außen mit gut sichtbaren Großbuchstaben oder Ziffern gekennzeichnet sein. Die Bezeichnung (z. B. Schulname, Behördenname, Logo) sollte bereits aus sicherer Entfernung klar erkennbar sein und eindeutig nummeriert werden (z. B. Gebäude A, B, C oder G1, G2 …).


  • EINGÄNGE, NOTAUSGÄNGE UND TREPPEN: Alle Eingänge (E), Notausgänge (N) und Treppenhäuser (T) sind eindeutig und systematisch (z. B. aufeinanderfolgend im Campus oder Gebäudekomplex) zu beschriften. An Treppen ist zusätzlich das jeweilige Geschoss klar zu kennzeichnen (z. B. T1-2 = Treppenhaus 1, 2. OG). Auch alternativ genutzte Zugänge (z. B. Anfahrten von der Rückseite) müssen eindeutig gekennzeichnet sein.


  • WEGWEISER UND LAGEPLÄNE: An zentralen Stellen – insbesondere in Eingangsbereichen, Fluren und an Kreuzungspunkten – sind Wegweiser sowie ggf. Etagen- oder Gebäudepläne anzubringen. Sie geben an, wohin die Wege führen und wo sich zentrale Einrichtungen befinden.


  • RAUMKENNZEICHNUNG INNEN UND AUSSEN: Alle Räume sind beidseitig – also innen und außen – mit gut lesbaren, nachleuchtenden Nummerierungen zu versehen. Die Beschriftung folgt dem Hotelprinzip (z. B. Raum 231 = 2. Etage, Raum 31).


  • WEITERE BEREICHE, DIE GEKENNZEICHNET SEIN SOLLTEN:
  • Eingangszonen und Empfangsbereiche
  • Sanitäranlagen
  • Aufenthalts- und Gemeinschaftsbereiche wie Aula, Mensa, Wartezone, Teeküche
  • Fachräume (z. B. Verwaltung, Werkstatt, Lehrerzimmer, Arztpraxis, Pflegezimmer)
  • Technikräume und dauerhaft verschlossene Räume, insbesondere solche ohne regulären Personenverkehr, sind besonders zu kennzeichnen – z. B. mit Symbolen oder Hinweisschildern zur Zutrittsregelung


EIN WIRKSAMES ORIENTIERUNGS-SYSTEM BEZIEHT ALLE RELEVANTEN ANLAUFSTELLEN, VERKEHRSWEGE UND ENTSCHEIDUNGSORTE EIN.


GIBT ES VORGABEN ZU FARBEN, SCHRIFT- GRÖSSEN UND FORMATEN?

Für das „Gütersloher Modell“ gibt es keine gesetzliche Norm. Die Praxis orientiert sich jedoch an barrierefreien und gestalterischen Standards, u. a.:

  • Kontrastverhältnis mind. 70 % (DIN 32975)
  • Schriftgröße mind. 16 pt für Wandbeschriftungen
  • Farben mit Signalwirkung: Rot, Blau, Grün, Gelb, Orange
  • Keine zu ähnlichen Farbtöne oder Pastellfarben
  • Ergänzende Piktogramme statt reinem Text
  • Begrenzung auf ca. 5 Zonenfarben im Gebäude


GESTALTUNGSPRINZIPIEN

Ein Orientierungssystem muss sich klar von Flucht- und Sicherheitskennzeichnungen abheben. Bewährt haben sich:

  • weiße Schrift auf blauem Grund,
  • nachleuchtend ausgeführt,
  • gut erkennbar auch bei Stromausfall oder gedämpfter Beleuchtung.


Abweichungen (z. B. wegen Architektur oder Design) sind möglich – wichtig ist eine visuelle Konsistenz im Gesamtsystem. Beispielhafte Zonenfarbigkeit:

  • Grün: Flucht- und Rettungswege
  • Gelb: Aufenthaltsbereiche
  • Hellblau: Verwaltung
  • Orange: sensible Funktionsbereiche mit erhöhtem Schutzbedarf
  • Grau: Unterstützungsbereiche, Technik, Logistik


Die Zonenfarbe sollte sich auch an der jeweiligen Tür widerspiegeln – etwa durch eine farbige Türleiste, einen Streifen oder ein Piktogramm.

Sicherheitskritische Räume mit erhöhtem Schutzbedarf (z. B. Serverräume, Lüftungszentralen) sollten bewusst unauffällig gekennzeichnet oder nur intern codiert werden.


WAS GEHÖRT ZUSÄTZLICH ZUR UMSETZUNG?

Ein wirksames Orientierungssystem endet nicht bei der Wandgestaltung und Beschilderung – es ist Teil der Gesamtkonzeption eines Gebäudes und sollte integrativ, digital erweiterbar sowie auf besondere Einsatzszenarien vorbereitet sein. Zu empfehlen sind daher:

  • digitale gestützte Elemente oder barrierefreie Apps für große Einrichtungen
  • taktile Leitelemente für Sehbehinderte (z. B. taktile Bodenleitsysteme)
  • Verzahnung mit Brandschutz- und Evakuierungsplänen
  • Einarbeitung in BOS-Leitstellenstrukturen (Polizei, Feuerwehr), inkl. fachlicher Koordination zur Systemlogik in Einsatzunterlagen
  • Integration in Sprachsysteme/Lautsprecheransagen (z. B. für Evakuierung, Amok)
  • Informationsmaterial für externe Zielgruppen (z. B. Orientierungskarten, Flyer, QR-Codes, Webinhalte)
  • Pädagogische Begleitung sensibler Nutzergruppen
  • regelmäßige Evaluation und Updates, z. B. bei Umzügen, Umbauten oder Nutzungsänderungen sowie ein Abgleich mit den Nutzern

Orientierung ist mehr als Beschriftung – sie ist Ausdruck von Respekt gegenüber den Nutzenden eines Gebäudes. Wer in funktionale und visuelle Orientierung investiert, investiert in Sicherheit, Effizienz und Willkommenskultur.


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WIE SOLLTE MAN BEI EINEM SOLCHEN PROJEKT VORGEHEN?

Die Einführung und Umsetzung eines Orientierungssystems nach dem „Gütersloher Modell“ ist kein reines Designvorhaben. Es erfordert eine interdisziplinäre Projektstruktur, bei der Aspekte der Bauplanung, Sicherheit, Kommunikation, Inklusion, Nutzerführung und Betrieb miteinander verzahnt werden. Entsprechend sollte die Umsetzung systematisch und partizipativ erfolgen – unter Einbeziehung aller relevanten Gruppen wie:

  • Mitarbeitende und Fachbereiche
  • Gebäudemanagement (z. B. Hausmeister, Technik, Reinigung, Gebäudeverwaltung, Träger)
  • Verwaltung und Leitungsebene
  • Gebäudenutzende (z. B. Studierende, Besucher, Patienten)
  • Fremdpersonal oder externe Dienstleister


Die Umsetzung eines Orientierungssystems ist kein Einmalprojekt. Es sollte langfristig gepflegt und bei Nutzungsänderungen oder baulichen Anpassungen fortgeschrieben werden. Eine dokumentierte Systematik erleichtert spätere Erweiterungen und sichert Konsistenz über Jahre hinweg.


1. BESTANDSAUFNAHME UND ANALYSE

  • Welche Wege, Zugänge, Verkehrsflächen, Bereiche, Etagen, Räume und Nutzungszonen gibt es?
  • Welche Wege werden häufig von wem genutzt und führen wohin?
  • Wo entstehen aktuell Orientierungsschwächen oder Rückfragen?
  • Gibt es bereits gewachsene Strukturen oder gestalterische Festlegungen, die berücksichtigt werden müssen?


2. ZONIERUNG DES GEBÄUDES

  • Einteilung des Gebäudes in funktionale Bereiche oder Zonen idealerweise entlang der Nutzergruppen (z. B. Besucher, Verwaltung, Fachpersonal, Bildung, Aufenthalt, Sanitär)
  • Definition aller zu beschriftenden Flächen – einschließlich der Frage, wo ergänzende Elemente erforderlich sind: z. B. Hauptwegweiser mit Richtungsangaben, Deckenabhänger an Kreuzungspunkten, Etagenwegweiser, Türschilder (innen und außen), Bodenmarkierungen, Aufkleber sowie zusätzliche, gut verständliche Richtungshinweise in Fluren und Übergangsbereichen oder gar digital gestützte Systeme
  • Vergabe von Zonenfarben und ggf. Symbolen zur visuellen Unterscheidung


3. FESTLEGUNG DER LEITSYSTEM-ELEMENTE

  • Kennzeichnungssystematik erarbeiten nach einer klaren und einheitlichen Bereichsbeschriftung
  • Einhaltung gesetzlicher Vorgaben (z. B. Barrierefreiheit, Brandschutzrichtlinien)
  • ggf. Abstimmung mit Corporate Design zu Farbkodierungen, Schrifttypen, Kontrast, Symbolik
  • Erstellung einer Gestaltungsmatrix (z. B. Standardformate, Platzierungen, Schriftgrößen)
  • Entscheidung, ob und wie digitale Komponenten eingebunden werden sollen (z. B. Raumfinder- App, interaktive Etagenpläne, Infoscreens, QR-Codes, Verknüpfung mit digitalen Anmeldeterminals)


4. PILOTIERUNG UND TESTBEREICH

  • Auswahl eines geeigneten Musterbereichs
  • Umsetzung im Pilotbereich zur Bewertung des Konzepts (z. B. ein Flur pro Funktionszone)
  • Erstellung eines barrierefreien Etagen-/Gebäudeplans
  • Anbringung von Etagenplänen und Kreuzungshinweisen
  • Einholung von Feedback durch Nutzergruppen (z. B. Umfrage, Begehung mit Zielgruppen)
  • Dokumentation der Umsetzung als Grundlage für Rollout


5. PROJEKTDOKUMENTATION UND SCHULUNG

  • Flächendeckender Rollout
  • Systematische Dokumentation des Projekts (Fotodokumentation, Pläne, Designrichtlinien)
  • Einweisung relevanter Personen (z. B. Hausmeister, Empfang, Sicherheitspersonal)
  • Vorbereitung auf Erweiterungen (Ergänzung weiterer Gebäude oder Funktionsbereiche)